Bis gegen halb 10 unternehme ich noch mehrere vergebliche Dreh- und Streckversuche in dem verflixten Ford KA, dann geb ich es auf und wage einen ersten Blick durch die Heckscheibe - es plätschert! Sollte ich auch mit Ben Lomond Pech haben? Das wäre böse, es ist mein letzter Tag in Schottland und ich wollte auch mal von einem Berg aus ins weite Land blicken...
Es ist aber nicht alle Hoffnung verloren, denn wenn es bis Mittag noch auflockert, kann ich immer noch da hoch. Sieht zwar wahrlich nicht danach aus - in Schottland kann man jedoch nie wissen... 5 - 5 1/2 Stunden sind bis zum Gipfel und zurück bei schönem Wetter zu veranschlagen.
Ich lasse also den Tag ruhig angehn, nachdem ich den schwierigen Akt, mich in dieser engen Kiste umzuziehen, bewältigt habe. In Aberfoyle statte ich der Tourismusinfo einen Besuch ab, hole mir warmes Wasser für einen Kaffee und ein paar Infos zu Ben Lomond.
Erfahre dass ich natürlich am falschen Ufer des Sees bin, und zum Berg erst noch eine halbe Runde rum fahren muss. Schlechte Planung meinerseits (das muss beim nächsten Schottlandurlaub anders werden)! Vor dem Start esse ich noch bei einem Metzger ein lecker warmes Brötchen mit gebratenem Bacon & Eggs, was eine gute Grundlage für diesen Tag ist.
13 Uhr komme ich in Rowardennen an, wo ich erstmal Loch Lomond vom bewaldeten Ufer aus bestaunen kann. Da ist der idyllische See - der einen armen Highland-Soldaten berühmt gemacht hat, als er auf dem Weg zu seiner Hinrichtung noch ein Abschiedslied an seine Geliebte schrieb: Loch Lomond. You take the high road, and I'll take the low road...
Inzwischen hat der Regen tatsächlich aufgehört - gute Chancen also!
Treffe auf dem Parkplatz einen Schotten namens Jim, den ich nach dem Weg zum Berg befrage. Wir schwatzen ein bisschen, er erzählt dass er aus Glasgow kommt und hier des öfteren beim Angeln relaxt.
Jim fragt skeptisch, ob ich ganz allein da hoch will und warnt mich vor dem wechselhaften Wetter und dass man nicht zu spät den Rückweg antreten sollte... Er meint dass er einen Helikopter schickt, wenn ich bis zur anbrechenden Dunkelheit nicht zurück sein sollte. Für alle Fälle schreibt er mir noch seine Handynummer auf.
Viertel nach 1 geht's dann endlich los - warm angezogen und mit Taschenlampe, Messer, Fotoapparat, Regencape, Müsliriegeln und einer großen Flasche Wasser im Rucksack. Prompt schlage ich 'right from the start' den falschen Weg ein und kämpfe mich über durchweichten Waldboden, meterhohen nassen Farn und Gras immer dort entlang, was wie ein Pfad aussieht. Das bestätigt mich mal wieder darin, dass ich eben nur ein Gelegenheits-Wanderer bin und gibt denjenigen recht, die uns Frauen einen minderen Orientierungssinn nachsagen...
Ich streife mein knöchellanges Cape über, was aber nichts daran ändert dass meine Schuhe samt 3 Paar Socken bereits nach der ersten halben Stunde durchweichen. Tapfer überquere ich nach dem Wald einen Bach und eine Moorlandschaft, in der das Wasser nur so steht und ich mich von einem Grasbüschel zum nächsten retten muss. Dafür gibt es die ersten tollen Aussichten auf den nebelverhangenen Loch Lomond und die gegenüberliegenden Berge.
Glücklicherweise sehe ich jetzt 2 Leute ein paar hundert Meter weiter vom Berg runterkommen - dort muss also der richtige Weg sein. Also wieder zurück durch den Wald und schräg durch dichtes Gestrüpp, unter umgefallenen Bäumen hindurch und um undurchdringliches Gehölz herum, bis da endlich der Weg ist. Ein Stein kündigt mir auch bald an, dass nun Ben Lomond beginnt.
Der Anstieg selbst geht auf einem teilweise recht steinigen Pfad voran. Es ist immer nur die nächste kleine Kuppe zu sehen, mehr nicht. Dafür ist der Himmel zu wolkenverhangen. Nach 2 Stunden ist jede Kuppe für mich der Gipfel - was sich aber nach Erreichen der nächsten Steigung jeweils als Irrtum herausstellt. So kämpfe ich mich tapfer weiter bergan, durch mittlerweile wieder einsetzenden Nieselregen, zunehmenden Wind mit sturmartigen Spitzen, die Augen halb zugekniffen und ab und zu einen Blick auf die Uhr. Meine Kondition benimmt sich einigermaßen anständig und lässt mich nicht im Stich.
2 einzelne Wanderer die ich zwischendurch treffe frage ich, wie weit es denn noch zum Gipfel ist. Sie geben mir leider nicht die erhoffte Auskunft, dass vielleicht nur noch ein Viertelstündchen vor mir liegt. Aber ich trotze dem Berg und dem Wetter, da ich mir einen schottischen Ben fest in den Kopf gesetzt habe.
Als ich gegen 16.30 Uhr endlich den richtigen Gipfel sehen kann, ist der Sturm inzwischen so stark, dass ich kaum noch einen Schritt vorwärts komme. Im Kopf überschlage ich die Zeit, die ich wohl unter diesen Umständen noch brauchen würde, und wie lange ich für den Rückweg kalkulieren muss, beschließe letztlich dass es nichts bringt, etwas auf Teufel komm raus durchzusetzen, und mache kurz vor dem Ziel kehrt.
Zu viel Zeit habe ich schussligerweise durch den missglückten Start eingebüßt. Schade, aber ich bin auch ein bisschen stolz auf mich, dass ich es als sonst sehr gefühlsbetonter Mensch schaffe, meinem Verstand den Vorrang zu geben.
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Ein paar letzte Blicke von oben ins Tal und auf die kleinen Bergblumen am Wegesrand, dann geht es mit nassen Füßen bergab ...

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... und gegen 18 Uhr bin ich wieder am Ufer des Loch Lomond, wo Jim tatsächlich auf mich wartet! Fröhlich über diese Tatsache und etwas traurig über den so knapp verpassten Gipfel, erzähle ich in Kürze das Wichtigste und ziehe mir dann erstmal schnell trockene Klamotten an. Damit, dass jetzt plötzlich sogar die Sonne durchkommt, hätte ich an diesem letzten Tag wirklich nicht mehr gerechnet. Ich fühle, sie macht mir meinen Abschied von Schottland noch schwerer...
Danach schwatze ich noch eine ganze Weile mit dem rothaarigen Jim über Gott und die Welt, wir machen ein paar Fotos, trinken Tee und verstehen uns bestens. Als ich um 20 Uhr aufbrechen will, wünscht sich Jim dass ich hier übernachte, damit wir noch ein bisschen quatschen können (ein Schelm der Übles dabei denkt...), aber ich habe keine Lust um 4 Uhr aufzustehn, nur um meinen Flieger nicht zu verpassen.
Schweren Herzens eise ich mich los, ein paar Meilen liegen bis Prestwick schließlich noch vor mir. Als auf dem Rückweg Loch Lomond sein letztes Stück Ufer zeigt, schieße ich auch ich meine letzten Fotos, eine Träne im Auge und ein stechendes Gefühl in meiner Seele, die in den vergangenen Tagen so viel Wärme, Energie, Kraft, Freiheit, Frieden, Aufatmen und Ruhe gefunden hat, dass ich meine, es müsste für viele Jahre reichen...
.. und ich schwöre mir selbst bei allem was mir heilig ist, dass ich nach Schottland zurückkomme...
Kurz vor Mitternacht komme ich mit Meilenstand 1168 - ca. 1829 km - auf dem Flughafen Prestwick an. Ich beschließe zu packen und mich dann auf einer der gepolsterten Bänke im Flughafen auszustrecken - ein falscher Beschluss, wie sich herausstellt, da die Türen um 24 Uhr einfach zugeschlossen werden! Nun darf ich also die letzte Nacht auch noch zusammengeknickt im Auto verbringen, wo ich (nicht nur aus diesem Grund) kaum ein Auge zumachen werde...
Der letzte Morgen besteht aus der Abgabe des Mietautos, der Aufgabe meines Gepäcks und der Ausgabe der letzten paar Pfund für ein letztes Guiness in der Flughafen-Kneipe. Dann sehe ich Schottland ein letztes Mal aus dem Flugzeug .........................