Schottland
 
Schottland - Reisetagebuch

8. Tag - eine Überdosis Steine!


Regen weckt mich gegen halb 10 - nach dem langen Autofahren gestern hab ich wohl viel Zeit gebraucht, um mich auszuruhen.

Aber was ist jetzt mit Ben Nevis? Gehe ich von etwa 7 Stunden aus, die ich für den Berg brauche, lohnt es sich jetzt fast nicht zu warten, bis der Regen vielleicht aufhört.
Nach einem Besuch in der Tourismusinfo und zwischenzeitlicher Aufhellung, gießt es wieder in Strömen, so dass ich um 12.30 Uhr das Warten frustriert aufgebe und etwas anderes aus diesem Tag machen werde.
Beim Rausfahren aus der Stadt kann man Ben Nevis nicht mal von unten sehen - alles ist dicht in Wolken und Nebel gehüllt. Nun hoffe ich auf morgen und die Alternative Ben Lomond.

Regnerische Impressionen an der Straße

Ich verzichte auch darauf, den Bogen durch Glen Coe zu fahren - bei diesem Wetter garantiert kein Erlebnis.
Richtung Loch Lomond geht es über Oban und Kilmartin, letzteres ein großes Areal voller Megalith-Kunstwerke.

Prachtvolle Wilde Lupinien

Kirche in Kilmartin

Zunächst besuche ich die schöne Kirche in Kilmartin.

Das Interessanteste ist aber der Friedhof und eine kleine Kapelle, wo sich Grabstelen aus dem 13. bis frühen 18. Jhdt. mit markanten Figuren und Mustern befinden.

Typische keltische und auch weniger bekannte Ornamente, teilweise schon etwas verblichen im Laufe der Jahrhunderte, laden den Betrachter zum nachdenklichen Verweilen ein.

Reich verzierte Grabstelen
Reich verzierte Grabstelen Reich verzierte Grabstelen Reich verzierte Grabstelen
Grabplatte mit typisch keltischem Ornament Grabplatten mit Figuren und Ornamenten  

Glebe Cairn

Schon von weitem zu sehen sind ein paar hundert Meter entfernt 2 Langgräber, "Glebe" und "North Cairn", an denen außer ihrer Größe nichts spektakuläres ist, da anscheinend weder Passagen noch Kammern o.ä. vorhanden sind.

North Cairn

"Nether Largie Standing Stones", auch bekannt als "Lady Glassary Wood" - ein Arrangement aus 5 stehenden Steinen, 2 Paare im Abstand von ca. 65m, in der Mitte dazwischen ein einzelner, der wiederum von 2 querliegenden Steinreihen aus jeweils 4 kleinen Steinen umrahmt wird. Nach vergleichbarem zu urteilen, diente es wohl als Kultplatz und aufgrund der Anordnung astronomischen Beobachtungen.

Nether Largie Standing Stones Nether Largie Standing Stones Einzelner Megalith nahe Nether Largie Standing Stones

Kurz dahinter finde ich den - mir bis heute am intensivsten in Erinnerung gebliebenen - sehr schönen "Temple Wood Stone Circle". Er wurde ca. 3000 B.C. angelegt und diente über wahrscheinlich 2000 Jahre als Platz für Riten und Totenkult. Seine Steine sind nicht sehr hoch, aber regelmäßig angeordnet, der Kreis ist fast genau rund (12 x 13m) und in seiner Mitte ist eine Steinerne Kammer eingelassen.

Temple Wood Stone Circle - Steinkasten in der Mitte Temple Wood Stone Circle - der Steinkasten von innen Temple Wood Stone Circle - ein energiereiches Kraftfeld...

Dort drin sitzend übergebe ich mich ein Weilchen der Mutter Erde und spüre plötzlich eine unheimlich warme Strömung durch meinen Körper fließen, bis in Fingespitzen und Zehen. Es ist ein sehr angenehmes Gefühl, welches ich bisher nicht kannte - kann es sein dass ich hier das magische Energiefeld fühle, welches diesen Plätzen nachgesagt wird...? Ich genieße es eine ganze Weile, glücklich darüber "es" - was immer es ist - wirklich zu spüren, ein intensives Stückchen dieser besonderen Magie, von der ich schon lange ahne, dass es sie gibt.
Als sich kurz darauf 2 Mädels zu mir gesellen, schlage ich einer vor, sich dort hineinzusetzen, gespannt auf ihre Reaktion. Und tatsächlich ruft sie mir erstaunt zu, dass es ja ganz warm hier drin sei... es war also keine gewünschte Einbildung...

Temple Wood Stone Circle - Stein mit Spiral-Kerbung

Einer der Steine weist eine Einkerbung auf - die Spirale, die eine hohe kultische Bedeutung hat und über jahrtausende bis ins Heute hinein immer wiederkehrt.

Unmittelbar nebenan findet sich ein zweiter, noch älterer, mit Steinen gefüllter Ring von ca. 10m Durchmesser.

Temple Wood Stone Circle - der zweite Steinkreis

Nether Largie South Cairn - der Eingang ins Zentrum

Gleich 250m weiter treffe ich auf den nächsten megalithischen Schauplatz - "Nether Largie South Cairn".

Die Öffnung ist gerade so groß dass ich hineinkriechen kann. Von außen ist die Kammer (6m x 1,2m) rundherum mit Steinen aufgeschüttet, so dass der ganze Hügel zwischen 27 und 34m im Durchmesser und 4m in der Höhe misst.

Gefunden wurden dort u.a. Tonscherben, Pfeilspitzen und ein paar menschliche Knochen.

Nether Largie South Cairn - in die Kammer fällt Sonnenlicht hinein
Nether Largie South Cairn - Erläuterungstafel mit Skizze Nether Largie South Cairn - Blick von der Seite Nether Largie South Cairn - einzelne kleine Kammer nebenan

Bildreihe oberhalb: Foto links zeigt wie es mal ausgesehen haben mag, auf dem mittleren Foto ein Gesamt-Blick von der Seite. Im Bild rechts ist eine kleine Kammer zu sehen, die sich außerhalb des Cairns befindet, eindeutig aber dazugehört.

Zwischen den Steinen wachsen Pflanzen mit winzig kleinen Blüten, die man hierzulande wohl in einen Steingarten setzen würde.

Nether Largie South Cairn - Wilde Blüten, zart wie Porzellan

Dunchraigaig Cairn

Etwa 1 Meile weiter bei einem Parkplatz ist das nächste "Altertum" der frühen Bronzezeit auf einem Schild gut angekündigt. "Dunchraigaig Cairn" aus dem 2 Jhtd. B.C.

3 Grabkisten aus Stein befinden sich in diesem Cairn, dort wurden verbrannte und unverbrannte menschliche Überreste, Gefäße für Nahrung, eine Steinaxt sowie ein Feuersteinmesser gefunden.
Eine der Grabkammern ist mit einem großen Deckstein überdacht und nach außen hin sichtbar.


Ballymeanach Stones - die Reihe aus 4 Steinen

Inzwischen hat sich der Nieselregen verstärkt, was mich natürlich nicht davon abhält, meine Nachforschungen fortzusetzen.

Im gleichen Komplex gibt es als nächstes die Ballymeanach Stones, eine kleine Anlage für sich; dort befinden sich 6 Standing Stones nach dem Muster

. .
. . . .

Ballymeanach Stones - Stein mit Cup- und Ringmarks
Ballymeanach Stones - die parallelen Steinreihen

Auf einem der stehenden Steine gibt es sehr viele Cup- und Ringmarks. Die Höhe der Steine beträgt zwischen 2,7 und 4,1m.

Weiterhin gibt es kleinen Steinkreis (Bild rechts) und ein Henge, von welchem allerdings kaum noch was zu erkennen ist - hier war die Zeit stärker als die Steine... Auf der Erläuterungstafel erfahre ich, dass es sich bei dem Henge um einen Tanz- oder Festplatz gehandelt haben könnte. In seiner Mitte befindet sich der mit einem Stein abgedeckte Zugang zu einer kleinen Kammer.

Ballymeanach Stones - der kleine Steinkreis
Ballymeanach Stones - Henge Ballymeanach Stones - kleine Kammer in der Mitte des Henge

Balvachraig Carvings

Das dritte im Bunde ist ein einzelner, riesiger liegender Stein, auf welchem sich eine Menge 5000 Jahre alte Cup- und Ringmarks befinden. Sie werden "Balvachraig Carvings" genannt.

Eine Botschaft für die Nachwelt......?

Mittlerweile bin ich klatschnass, kriege Hunger und müde Füße durch das Waten über's schlammige Feld mit Ziegen und Kühen.
So gibt's dann im Auto erstmal Trockenfutter (=Müsliriegel) und das andere Paar (wieder) trockene Schuhe.

Balvachraig Carvings


Dunadd Fort - Erläuterungstafel mit Skizze - links oben im Bild ist das in Stein geritzte Tier zu sehen Dunadd Fort - der "Eingang" Dunadd Fort - Blick aus dem Innenhof nach oben

Wiederum nicht weit entfernt - immer noch in der Nähe von Kilmartin - führt mich eine holprige Dorfstraße zum "Dunadd Fort", einer alten Festung aus dem Jahr 500. Ein richtiger Zeitsprung also...

Der Aufstieg ist recht steil und erfordert ein bisschen Konzentration, da bereits viele Steine des "Weges" locker sind. Durch eine Art Eingang kommt man in das ehemals Innere der Anlage, dann geht es noch eine Etage höher auf das "Dach", gleichzeitig Bergspitze und als Wach-Ausblick sicher mal hervorragend geeignet gewesen.

Dunadd Fort - Blick von oben auf den Innenhof

Beim Blick von da oben auf den Innenhof, wo sich auch noch ein gut erhaltener Brunnen findet, sehe ich vor meinem geistigen Auge die einzelnen Hütten der Clan-Mitglieder und das geschäftige Treiben, das sich hier vor 1500 Jahren abgespielt haben muss. Der Berg geradezu ideal für eine solche Großfamilie, auf halber Höhe eine Terrasse, die von einem Erdwall geschützt ist und damit Feinden, wilden Tieren und auch den Unbilden des Wetters nicht so leicht ausgeliefert ist.

Was würde ich drum geben, mal einen echten Zeitsprung machen zu können...

Dunadd Fort - Reste eines Brunnens
Dunadd Fort - Stein mit "Fußabdruck"

Oben auf dem Gipfel gibt es einen liegenden Stein mit einer Einkerbung - einem Fußabdruck zum Verwechseln ähnlich. Außerdem deutlich hinterlassene Pictische Schriftzeichen, die bekanntlich aus lauter Strichen bestehen. Man konnte sie bis heute nicht richtig entziffern. Auch die Zeichnung eines Tieres, in Stein geritzt, wurde hier gefunden.

Dunadd Fort - Pictische Schriftzeichen

Achnabreck Stones Achnabreck Stones Achnabreck Stones
Achnabreck Stones - auch ein schöner Ausblick auf die weite Landschaft

Letzte Station für heute sind die "Achnabreck Stones", 3 sehr große Steine mit 5000 Jahre alten Cup- & Ringmarks - ähnlich den "Balvachraig Carvings" (s.o.) bei Kilmartin.

Das eingezäunte Gelände liegt auf einer Anhöhe, man wandert etwa eine halbe Stunde durch ein Waldgebiet dorthin.

Die "Zeichnungen" sind hier teilweise sehr individuell miteinander kombiniert, so dass sie sich mitunter überlagern oder auf sonstige Weise miteinander verbunden sind.

Achnabreck Stones

Ich versuche mir den Wert dieser Arbeiten für die Menschen der Bronzezeit vorzustellen, während ich neugierig um den Zaun pirsche (natürlich auch mal drüber hinweg) und es dabei schaffe, den matschigen Stellen am Boden auszuweichen. Beeindruckend ist die ganze Sache auf alle Fälle.


Nach diesen vielen Steinen bin ich für heute völlig erledigt, fahre aber noch ein ganzes Stück weiter Richtung Loch Lomond. Unterwegs hol' ich mir an einer Tankstelle mein Abendbrot: Sandwiches mit Huhn und Schinken für 2,20 Pfund, die - entgegen meiner Skepsis - doch recht lecker sind.

Irgendwo bei Aberfoyle lande ich schließlich gegen 1 Uhr in der totalen Einöde an einem Waldrand, sehne mich nach Skye, wo es eigentlich an jedem Fleckchen schön war, und schlafe vor lauter Regen und Matschboden gleich im Auto. Ich bin so kaputt dass es mir schon egal ist wo ich schlafe, Hauptsache endlich die Augen zu! Nichtmal mehr an die vielen Eindrücke des heutigen Tages kann ich denken. Was soll's, die eine Nacht wird es schon noch gehn...


- Weiter zur nächsten Seite - Buch-Tipps Schottland & Megalithen -