Schottland
 
Schottland - Reisetagebuch

2. Tag - die Suche nach den ersten Steinen


Um 7 Uhr mache ich mich nach einer unruhigen Nacht mit einer Schlafhaltung in Form eines zusammengeklappten Taschenmessers auf den Weg. Der Regen hat aufgehört. Die Steine rufen.

Unterwegs nach Banchory genieße ich den ersten schottischen Regenbogen (auf dem Foto leider fast nicht zu erkennen), River Dee macht einen eleganten Bogen und lädt kurz zum Verweilen mit Frühstück an der frischen Luft ein.

Auf dem Weg nach Banchory River Dee bei Banchory Gegend um Banchory

Gegend um BanchoryAuf der Suche nach dem Steinkreis "Nine Stanes" muss ich an einem Haus halten und nach dem Weg fragen, ein freundlicher Mensch nimmt mich mit hinein, brüht mir morgens halb 8 Kaffee in seiner Küche und ich mache einen Small Talk mit ihm und seiner Frau.
Auf der Karte zeigt er mir den Weg und schenkt sie mir obendrein, als er merkt wie begeistert ich von der sehr detaillierten Skizzierung der Gegend bin. Danach entschuldigt er sich, dass er jetzt zur Arbeit müsse... bin beeindruckt und stelle mir vor wie bei uns in Deutschland kurz vorm Aufbruch zur Arbeit jemand klingelt und nach dem Weg fragt - würden wir ihm auch Kaffee machen... ?


Der kleine "Umweg" hat sich gelohnt, denn ich komme am "Knock Wood", einem großen Waldgebiet, vorbei. Kleinere Steinkreise sind auf der Karte Knock Wood - Steinkreis im Waldeingetragen und ich pirsche durch das wadenhohe Gras in diesem Wald, um ein paar davon zu finden.

Einige könnten auch in natura entstanden sein, aber wer weiß das schon... die auf den Fotos jedenfalls nicht, und der hochgelegene Platz war als Kultstätte sicher bestens geeignet.

Knock Wood - Steinkreis im Wald Steinkreis auf einem Feld neben Knock Wood Steinkreis auf einem Feld neben Knock Wood

Zwei liegen auf einem Feld dicht beieinander, beim ersten habe ich noch Respekt vor dem Privatbesitz und klettere nicht über das Gatter, aber den anderen wollte ich dann doch aus der Nähe sehn!


Nine Stanes Circle - Erläuterungstafel

Endlich finde ich die ersehnten "Nine Stanes". Wie man an dem Schild sehen kann, ist er vor 4500 - 3500 Jahren entstanden und diente wohl zunächst in der Hauptsache zur Beobachtung der Mondphasen. Der Steinkreis ist im Gegensatz zu den meisten anderen nicht kreisrund, sondern oval angelegt. Der größte, "flachgelegte" Stein, welcher ursprünglich von 2 stehenden flankiert wurde (einer davon ist umgefallen), wiegt über 16 Tonnen. Diese Bauart nennt man "Recumbent Stone Circle".

Spätere Generationen haben eine kleine Totengrube in die Mitte des Circles gebaut, wo man bei der Ausgrabung eingeäscherte Knochen fand. Dass sich noch heute Menschen zu dieser Kultstätte hingezogen fühlen, beweist der Rest eines Feuers und einer kleinen Kerze inmitten des Kreises...

Nine Stanes Circle - Blick von außerhalb des Steinkreises auf den Recumbent Stone Nine Stanes Circle - Blick auf den Recumbent Stone Nine Stanes Circle - Teil des Circles

Nach einem abenteuerlichen Ausflug über einen matschigen Feldweg, der vor einem verschlossenen Gatter endet, wo ich laut Karte den Cairnfauld Stone Circle vermutet hatte, nimmt mich ein Bauer unter seine Obhut...

Er fährt mit seinem Traktor voraus zu seinem hoch gelegenen Feld und lässt mich ein, um die 3 übrig gebliebenen Steine des sicher ehemals sehr schönen Steinkreises zu betrachten. Einer ist behauen - Steine in Phallus-Form als Symbol der Fruchtbarkeit sind nicht so selten...

Recumbent Circle in Cairnfauld

Was mich zum Besuch des "Storybook Glen" verleitet, ist wahrscheinlich das einladende Äußere in Form einer alten Burg. Eher ist es was für Kinder, viele Comic- und Märchenfiguren tummeln sich hier, eine Riesen-Spielwiese. Aber die tolle Parkanlage macht das ganze dann doch zu einem angenehmen "Ausrutscher", und ich muss daran denken, wie sich mein 5jähriger hier wohlgefühlt hätte.
 
Storybook Glen Storybook Glen Storybook Glen


Anschließend ruft mich der berühmte "Easter Aquorthies Stonecircle" in Gordon bei Inverurie, erschaffen um 3000 BC. Der kleine Anstieg auf den Hügel belohnt mit einem wunderschönen Anblick.

Ein vollständig erhaltener Recumbent Circle, der auf eine Art Steinterrasse gesetzt wurde. Mächtige Tonnen Stein stecken da drin... Der Kreis hat einen Durchmesser von 19,5 m, der liegende Stein misst 3,8 m in der Breite. Im Recumbent-Bereich sind als Besonderheit zusäztlich weitere Steine zu finden, die wahrscheinlich für zeremonielle Anlässe gebraucht wurden.

Easter Aquorthies Stonecircle von außen Easter Aquorthies Stonecircle - der Bereich um den Recumbent Stone Easter Aquorthies Stonecircle von außen

Zwei junge Burschen faulenzen in der Mitte, rauchend und quatschend, springen aber sofort auf als ich wegen der Fotosession darum bitte. Typisch schottisch - nicht aus der Ruhe zu bringen, aber unheimlich höflich!


Maiden StoneEBurgruine Balquhainin kurzer Fotostopp an der Burgruine "Balquhain", dann wähle ich den Weg nach Inverurie so, dass ich noch den "Maiden Stone" bewundern kann. Es ist ein einzelner Symbolstein, direkt an der A93. 

Eine Sage ist damit verbunden:
Die Tochter eines hiesigen Landlords wettete am Tage ihrer Hochzeit mit einem Fremden, dass sie einen großen Stapel Brot backen werde, noch ehe er seine Straße zum höchsten Punkt des Ortes Bennachie zu Ende bauen könne. Der Einsatz sollte die Braut selbst sein, schafft sie es nicht, gehöre sie ihm! Was die Arme aber nicht wusste war, dass sie es mit dem Teufel zu tun hatte, der sie natürlich boshaft überlistet hatte. Als nun die Straße eher fertig war als ihr Stapel Brot, versuchte sie zu fliehen. Der Teufel ließ sie dafür zu diesem Stein erstarren. Armes Mädchen...

Nachwuchs bei Familie SchafViele schöne pictische Ornamente, Knoten, ein reich verziertes Kreuz, Kamm & Spiegel und Tiersymbole sind auf dem "Maiden Stone" eingemeißelt, im Laufe der Zeit jedoch leider etwas verwittert. Naja, das 8. Jhdt. ist ja auch ne Weile her!

Die vielen Schafe überall mit ihren Lämmchen sind dafür taufrisch und quicklebendig...



Lonehead of Daviot - Blick auf den gesamten Steinkreis Lonehead of Daviot - Blick aus der Mitte des Kreises auf den Recumbent Bereich Lonehead of Daviot - Blick auf den gesamten Steinkreis
 
Ich beende meine heutigen Ausflüge mit der wunderschönen Anlage des "Lonehead of Daviot" (ebenfalls nahe Inverurie) - ein weiterer RSC, datiert auf 2500 BC, mit Burial Site (Beerdigungsplatz) nebenan. Auch hier wird der liegende Stein wieder von 2 anderen (davon einem Fruchtbarkeitsstein) flankiert. Ersterer selbst ist der Länge nach gespalten - wie in 2 Hälften geschnitten. An ihn gelehnt, genieße ich den späten Nachmittag an diesem magischen Platz und verspeise mein Abendbrot, einen kleinen Kuchen der viel zu süß schmeckt... was gäbe ich drum, so eine uralte Zeremonie mal miterlebt zu haben!

Der Durchmesser dieses Kreises beträgt 20,5 m und alle Steine sind in korrekt gleichem Abstand zueinander gesetzt. Bei den Ausgrabungen 1934 fand man Holzkohlereste und Tonscherben unter den meisten der Monolithen, was auf dortige Begräbnisse schließen lässt.
 

Lonehead of Daviot - der Recumbent Bereich von der Seite gesehen, einer der Flankensteine und der gespaltene Recumbent Stone Lonehead of Daviot - der zweite Kreis nebenan Lonehead of Daviot im Gegenlicht der frühen Abendsonne

Da ich einen Platz für die Nacht brauche, könnte ich mir diesen geradezu ideal vorstellen. Leider ist auf einem Schild das Übernachten an diesem Ort ausdrücklich verboten. Ich respektiere die Würde der alten Steine und fahre noch ein paar Meilen raus - nicht ohne vorher das Relief des Abendhimmels über dem Steinkreis noch auf ein Foto zu bannen.


Wildblumen

Mein Schlafplatz liegt in der Parknische einer wenig befahrenen Dorfstraße. Glücklicherweise gönnt mir das Wetter, mein Zelt heute aufzubauen. Rund um mich herum wilde Wiesenblumen, wenn das nix ist!

Danach schenkt mir der Himmel obendrein einen grandiosen Sonnenuntergang, der sich etwa 1/2 Stunde lang in seinen prächtigsten Farben zeigt. Ein Steinhaufen auf dem Feld nebenan ist mein Platz in der ersten Reihe, und das Pöttchen Guinness schmeckt heute dabei noch mal so gut...

Fabelhafter Sonnenuntergang

Wildblumen

Fabelhafter Sonnenuntergang

Vorsichtshalber wandert das große Taschenmesser mit in meinen Schlafsack, obgleich ich nicht ängstlich bin, aber - man kann ja nie wissen (haben mich doch viele eh für '...bist du verrückt, ganz alleine und dann noch im Zelt...' erklärt)!
 


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